Würzburgs selbsternannte Bürgerwehren

Im Namen des Gesetzes

Steve Przybilla, Würzburg Mittwoch, 26. März 2014, 16:39
Inzwischen verzichten sie auf die Uniform: Monja Appel und Benjamin Vetter auf einem Streifzug durch Würzburg.
Inzwischen verzichten sie auf die Uniform: Monja Appel und Benjamin Vetter auf einem Streifzug durch Würzburg. (Bild: Steve Przybilla)
Sie schlichten Schlägereien, ermahnen Wildpinkler und verfolgen Randalierer: In Würzburg nimmt die «Einsatzgruppe Lupus» das Gesetz selbst in die Hand. Polizei und Anwohner zeigen sich von der Bürgerwehr zunehmend genervt.

Die Nachtschicht beginnt mit einem lauten Knall. Ganz in der Nähe, hinter dem Würzburger Dom, muss etwas passiert sein. Zielstrebig joggt Benjamin Vetter in die Nebenstrasse, die Hand am Funkgerät. Als er am Ort des Geschehens ankommt, entspannen sich seine Gesichtszüge. Ausser einem explodierten Feuerwerkskörper sind nur eine Handvoll Jugendliche zu sehen, die lachend durch die Fussgängerzone torkeln. «Von denen geht keine Gefahr aus», sagt Vetter. «Das sieht man schon an der Körperhaltung.»

«Die Gewalt ersticken»

Wenn andere ins Bett gehen, wird Benjamin Vetter erst aktiv. Jedes Wochenende patrouilliert er von 23 Uhr bis 6 Uhr morgens von Disco zu Disco. Ob Schlägertypen, Wildpinkler oder Vandalen: «Auf so einer Streife kann jede Menge passieren», sagt der 24-Jährige, der seine Tätigkeit fachmännisch als «pro-active policing» bezeichnet: je stärker die Polizeipräsenz, desto weniger Verbrechen geschehen. Was Vetter dabei gerne verschweigt: Er ist überhaupt kein Polizist. Als Vorsitzender der «Einsatzgruppe Lupus» hat er sich selbst zum Ordnungshüter ernannt.

Lupus steht im Lateinischen für Wolf. Die siebenköpfige Truppe will ihre Stadt nach eigenen Angaben sicherer machen. Dass Lupus dabei ziemlich martialisch klingt, will Vetter so nicht stehenlassen. «Es war Zufall, dass wir diesen Namen gewählt haben», sagt der junge Mann, der mit seinem sorgsam getrimmten Bart und der schlanken Statur nicht gerade wie ein Raufbold aussieht. «Wir sind eben nachts unterwegs, genau wie Wölfe. Mit Raubtieren hat das nichts zu tun.»

Das sehen freilich nicht alle so. Seit Monaten tobt in Würzburg eine Debatte darüber, was von der ordnungsliebenden Truppe zu halten ist. Rückblick ins Jahr 2012: Als die Wölfe ihren ersten «Einsatzbericht» veröffentlichen, nimmt davon kaum jemand Notiz. «In der Nürnberger Strasse fiel zum wiederholten Male ein schwarzer BMW auf, aus welchem heraus die Insassen Passanten beleidigten», schreiben die Wölfe auf Facebook. Und weiter: «Als 13/05, 13/06, 13/09 und 11/02 das Fahrzeug in Zivil observierten, liess der Fahrer (?) das Fahrzeug ausschwenken, um einen Passanten vorsätzlich zu verletzen.» Observation, Zivilstreife, Tatfahrzeug: Fast möchte man schmunzeln über den Polizeijargon, die Detailverliebtheit, die Ernsthaftigkeit, mit der die Gruppe ihrem Hobby nachgeht. Zur «Beweissicherung» dokumentiert sie ihre nächtlichen Streifzüge häufig auf Video – gefilmt aus dem Auto heraus, wie bei einem Streifenwagen.

An diesem Abend ist Vetter mit seiner Mitstreiterin Monja Appel zu Fuss in der Innenstadt unterwegs. Nasskalter Schneeregen peitscht durch Häuserschluchten, leere Bierflaschen kullern über den Asphalt. Appel zieht ihren Kragen noch ein wenig höher. Die Winterjacke spannt, denn darunter trägt die 23-Jährige ihre übliche Abendgarderobe: eine kugelsichere Weste, aussortiert von der Polizei, gekauft beim Gebrauchtwarenhändler.

«Für uns ist das ein Hobby», sagt Appel, die ihr Engagement als Zivilcourage versteht. «Es macht einfach Spass. Ausserdem ist die Polizei nicht immer rechtzeitig zur Stelle.» Für Lupus-Gründer Vetter sei ein eigenes Erlebnis ausschlaggebend gewesen: «Ich habe beobachtet, wie ein junger Mann vor einer Disco verprügelt wurde. Statt zu schlichten, sei ein Security-Typ in die Menge gesprungen und habe mitgemacht. Bedächtig schüttelt Vetter den Kopf, bevor er weiterspricht. «In diesem Moment musste ich einfach helfen. So etwas kann doch nicht angehen.» Die Hobbypatrouille, die Gewalt ersticken soll, bevor sie eskaliert, war seine Idee.

«Freiwillige Polizisten»

In Sichtweite der Bürgerwehr reisst ein Jugendlicher ein Wahlplakat von einem Laternenpfahl – Showtime für die Einsatzgruppe Lupus. «Der klaut das doch», ruft Appel, während Vetter schon hinterherspurtet. Der Tatverdächtige scheint davon nichts zu merken. Nach wenigen Sekunden verliert er die Lust an seiner Beute, lässt das Plakat fallen und steigt in die Strassenbahn. Trotz der späten Stunde – es ist mittlerweile kurz vor Mitternacht – ist der Waggon voll besetzt, Alkohol und Parfum liegen in der Luft. Weil Vetter den Delinquenten aus den Augen verloren hat, greift er zum Handy: «Der Täter trägt eine dunkle Jacke und Bluejeans», erklärt er der Polizei – klingt professionell, trifft aber an diesem Abend auf fast jeden zu.

An der nächsten Haltestelle trifft Lupus auf die herbeigerufene Streife. Die Beamten schauen skeptisch – die Hobbysheriffs sind inzwischen stadtweit bekannt. «Wir kümmern uns drum», sagt der echte Polizist und gibt Gas. Unterfranken gehört zu den sichersten Regionen Deutschlands. «Mit über zwölf Prozent hat Würzburg den grössten Kriminalitätsrückgang unter den bayrischen Grossstädten zu verzeichnen», heisst es in der Sicherheitsbilanz 2012 des Polizeipräsidiums Unterfranken. Wurde 2009 noch in 127 Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung im öffentlichen Raum ermittelt, sank dieser Wert 2012 auf 94 Fälle. Auch die Zahl der Sachbeschädigungen nimmt ab, wie die Polizei betont. Die Botschaft ist klar: Würzburg braucht keine Bürgerwehr, die 220 echten Beamten haben alles im Griff.

Was dabei gerne vergessen wird: Auch die Würzburger Polizei setzt 14 ehrenamtliche Helfer ein. Die «Bayerische Sicherheitswacht» besteht aus Freiwilligen, die vor allem tagsüber unterwegs sind und verdächtige Aktivitäten per Funk melden – eine «bessere und rechtsstaatliche Alternative» zur Bürgerwehr, findet die Polizei. Ein typisch bayrisches Phänomen ist das nicht. Der sogenannte «freiwillige Polizeidienst» existiert in vier Bundesländern; in Baden-Württemberg dürfen die Hobbypolizisten sogar eine Schusswaffe tragen. Doch gibt es einen grossen Unterschied zu selbsternannten Ermittlern wie Lupus: Die freiwilligen Polizisten werden von den Behörden geschult – und unterstehen ihnen auch. Das Gewaltmonopol bleibt also beim Staat.

Verfahren am Hals

Es ist 0 Uhr 30, als die beiden Lupus-Angehörigen auf dem Weg zum Hauptbahnhof von einem Streifenwagen angehalten werden. Vorsorglich legt Vetter seinen bruchsicheren Regenschirm zur Seite, als die Polizisten auf ihn zukommen. «Ich trage keine Waffen bei mir», sagt er und öffnet zum Beweis die Jacke. Die Lupus-Mitglieder kennen die Prozedur: Wenn sie nachts unterwegs sind, werden sie häufig von Beamten kontrolliert; der Staat will keine Selbstjustiz dulden. Gehörten Elektroschocker, Nachtsichtgeräte und Pfefferspray früher zu Vetters Standardausrüstung, beschränkt er sich nun auf seinen Regenschirm. Laut der Oberstaatsanwaltschaft laufen mehrere Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Amtsanmassung gegen ihn. Im Internet stellen die Wölfe ihre Einsätze freilich anders dar: «Vandalismus, Beleidigungen, Belästigungen und Rangeleien: Der Würzburger Bahnhof ist immer facettenreich.»

Schneller als die Sanität

Nach einem Rundgang ohne besondere Vorkommnisse wärmen sich Vetter und Appel bei McDonald’s auf. Mit einer Cola in der Hand erklärt der Lupus-Chef, warum er sich ungerecht behandelt fühlt. «Den Oberen geht es mächtig gegen den Strich, dass wir ohne Auftrag arbeiten. Die Polizei hat Angst, blöd dazustehen.» Früher verdiente Vetter sein Geld als Türsteher, seinen späteren Job als Altenpfleger hat er verloren – wegen Lupus, wie er sagt. Nun sitzt er im Supermarkt an der Kasse. Er will aber nachts trotzdem weiter auf Streife gehen. «Sonst hätten die ja gewonnen.» Wen er mit «die» meint, wird nicht ganz klar. Politiker, Polizisten, Beamte und Anwälte: Sie alle haben sich gegen die Hobbypatrouille verbündet. Im Internet wettern Würzburger, es werde nun langsam Zeit, «das Rumgekasper der Avengers einzustellen» – und das ist noch einer der netteren Ausdrücke.

Einfach verbieten kann man die Streifzüge nicht. «Wird jemand auf frischer Tat betroffen, ist jedermann befugt, ihn auch ohne richterliche Anordnung vorläufig festzunehmen» – so steht es in der Strafprozessordnung. Aus Sicht der Polizei überdehnen die Lupus-Mitglieder diese «Jedermannrechte» aber gewaltig. «Diese sind nur für Notfälle gedacht und nicht für die gezielte Suche nach angeblichen Ordnungsstörern», betont Michael Zimmer vom Polizeipräsidium Unterfranken. «Das Engagement dieser Truppe ist weder erforderlich noch zielführend, sondern vielmehr kontraproduktiv.» Zivilcourage definiert Zimmer anders: «Hin- und nicht wegschauen, wenn eine Straftat passiert – und sofort die Polizei rufen.» Dass die Beamten die Wölfe für mehr als Event-hungrige Jugendliche halten, wird im September des vergangenen Jahres klar. Mit grossem Aufgebot stürmen sie Vetters Wohnung. Die «Bescheinigung über sichergestellte Gegenstände» listet detailliert auf, was dabei beschlagnahmt wird: Wärmebildkamera, Handschellen, Funkgerät, Pfefferspray – aber auch eine Gürteltasche mit Einweghandschuhen, die Lupus für Erste-Hilfe-Einsätze verwendet. Wie solche Einsätze aussehen, kann man in ihrer Facebookgruppe nachlesen, aus der Sicht der Wölfe: «LUPUS 13/09 leitete unmittelbar Reanimationsmassnahmen ein und konnte so den jungen Mann unter Beatmung und Herzdruckmassage zurückholen, noch bevor RTW und Notarzt eintrafen.»

Obwohl solche Aktionen durchaus Bewunderung hervorrufen, zeigen sich die Würzburger zunehmend genervt von den selbsternannten Rettern. «Die Bevölkerung reagiert auf uns sehr gemischt», sagt Vetter. Die vielen Berichte in der Würzburger Lokalpresse hätten die Stimmung aufgeheizt und seine «Nachbarschaftshilfe» überhaupt erst zur Bürgerwehr stilisiert. «Manche Leute legen es jetzt darauf an, uns die Fresse zu polieren.» Andere reagieren mit Humor auf die Hobbysheriffs: Auf Facebook treibt seit einiger Zeit die satirische «Einsatzgruppe Lokus» ihr Unwesen. Ihr Credo: «Wir nerven Menschen aus purer Langeweile und Einfallslosigkeit und nennen es patrouillieren.»

Weniger belustigt war das Würzburger Ordnungsamt, als sich die Wölfe Hemden bedrucken liessen und bekanntgaben, eine «Einstellungsprüfung für den uniformierten Dienst» abzunehmen. Die Behörde reagierte prompt – und verbot die Uniformen. Zudem verpflichteten sich Vetter und seine Mitstreiter, künftig auf den Beinamen «Einsatzgruppe» zu verzichten. Vetter findet das Verbot ungerecht: Man habe die Uniformen doch nur angeschafft, um sich von der echten Polizei zu unterscheiden. Seine Erklärung zeugt nicht gerade von mangelndem Selbstbewusstsein: «Wenn wir mit Funkgerät dastehen und ankommende Einsatzkräfte einweisen, werden wir von jungen Polizisten ständig mit Zivilbeamten verwechselt.» Es gab einmal Zeiten, da wollte auch Vetter dazugehören: «Ich habe mich selbst mal bei der Polizei beworben», erzählt der Lupus-Vorsitzende. «Aber die haben mich nicht genommen.»

Indiana Jones aus Würzburg

Einmal, erzählt Vetter, habe er nach einer Nachtschicht einen Riss in der Jacke gehabt. Die Beschreibung des Einsatzes klingt wie eine Mischung aus «Alarm für Cobra 11» und Indiana Jones: «Das ist passiert, als ich zwei Personen fixiert habe, während gleichzeitig einer auf mir draufsass.» Hat er denn keine Angst, dass ihm irgendwann etwas Schlimmeres passiert? «Ach was» sagt Benjamin Vetter, «Würzburg ist doch seine sehr sichere Stadt.» Wenn er einen Täter stelle, bleibe ohnehin keine Zeit zum Nachdenken: «In diesem Moment funktioniert man nur. Die Aufarbeitung kommt erst hinterher.»

 

Quelle : http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/im-namen-des-gesetzes-1.18269967

Da die privaten „staatlichen“ Ordnungshüter bei Gewalttaten die Order haben weg zu sehen, bleibt den Menschen nichts anderes übrig als sich zu organisieren und den Schutz selbst in die Hand zu nehmen. Um zumindest ein Grundmaß an Ordnung und Sicherhait  zu wahren.

Gruß an die LUPUS

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