Googles fliegendes Auge

Googles fliegendes Auge
Drohne der US-Armee / Bild: Bobbi Zapka

 

 

Dieser Bund wurde eher dezent verkündet: Der Datenriese Google hält Hochzeit mit dem Drohnenhersteller Titan Aerospace. Rein geschäftlich betrachtet die Übernahme einer kleinen Flugzeugwerkstatt aus dem abgelegenen Albuquerque (Neu-Mexiko). Doch für Google die Tür zur totalen Kontrolle des globalen Internets, ungestört jeder nationalen Souveränität über Netze und Datenströme. Und Google ist in diesem Rennen nicht allein. Konkurrent Facebook hatte seinen Hunger bereits Ende März mit dem britischen Drohnenbauer Ascenta gestillt.

Mitgift von Titan Aerospace sind derzeit die solarbetriebenen Drohnenmodelle Solara 50 und 60, deren Flügelspannweite von 50 Metern einem Interkontinentalflugzeug gleich kommt. Dank des Antriebs durch Sonnenenergie können die unbemannten Flugobjekte fünf Jahre am Himmel bleibe, dabei vier Millionen Kilometer zurücklegen und satellitentypische Funktionen übernehmen. “Atmosphärische Satelliten [gemeint sind die Drohnen] könnten dabei helfen, Millionen von Menschen Internetzugang zu geben und andere Probleme zu lösen, unter anderem Katastrophenhilfe und Umweltzerstörung wie das Waldsterben”, verkündete ein Google-Sprecher in knappen Worten den Neuerwerb.

Offiziell gebärdet sich Google auch bei der Titan-Übernahme in gewohnter Manier, als sei das Glück der Menschheit einziges Ziel des Onlinekonzerns. Schon länger bastelt das Unternehmen mit seinem Project Loon an einer Internetversorgung unterentwickelter Regionen mittels fliegender Sender. Bislang setzte Google dabei auf den Einsatz von Heißluftballons, die jedoch als teurer und anfälliger gelten. Mittels einer Drohne ließen sich künftig 16.000 bis 18.000 Quadratkilometer abdecken, wofür sonst etwa 300 Mobilfunkmasten notwendig sind.

Ähnliche Pläne verfolgt der Netzwerkgigant Facebook, der Anfang März offenbar selbst an Titan interessiert war und 60 Millionen Dollar geboten haben soll. Auch Facebook will nach Darstellung seines Chefs Mark Zuckerberg mittels Drohnen Entwicklungsländern mit dem Internet beschenken; eine kostenlose Basisvariante könnte neben Facebook etwa das Lexikon Wikipedia und Wetterdienste umfassen. Erst im vergangenen Februar hatte Zuckerberg seine Vision auf dem Branchentreff Mobile World Congress in Barcelona angepriesen. Für Facebooks Pläne werkelt mittlerweile das sogenannte Connectivity Lab, in dem unter anderem auch die US-Weltraumagentur NASA und Washingtons Sternwartenbetreiber NOAO tätig sind. Ende März 2014 kaufte Zuckerberg für 20 Millionen Dollar schließlich den britischen Drohnenhersteller Ascenta. Dessen Gründer entwickelte nach Medienberichten das Solarflugzeug QinetiQ Zephyr, das 2008 auf dem Yuma Proving Ground, einem Versuchsgelände der US-Luftwaffe, getestet wurde.

In erster Linie verbirgt sich hinter den altruistisch formulierten Plänen von Google und Facebook eine schlichte Geschäftsidee. Die Datenkonzerne planen den Angriff auf die Netzbetreiber, die ihrer Allmacht bislang noch im Wege stehen. Entsprechend zurückhaltend reagierten die großen Telekommunikationsanbieter in Barcelona auf das Zukunftsbild Zuckerbergs; auch Googles Ambitionen dürften sie mit wenig Wohlgefallen zur Kenntnis nehmen. Neben dem kostenlosen Basispaket kündigte der Facebook-Chef auch bereits eine Bezahlvariante seines fliegenden Internets an. Etwa in Afrika mit seinen wirtschaftlichen Wachstumszahlen und einem explodierenden Mobilfunkmarkt ein Wechsel auf die bereits nahe Zukunft.

Hinzu kommt jedoch eine Fähigkeit, die wegen ihrer scheinbaren Banalität zumeist nicht erwähnt wird: Die Drohne kann fliegen – und damit das versorgte Gebiet auch wieder verlassen. Google und Co könnten ganze Staaten nicht nur mit billigsten Internetzugängen versorgen, sondern das Netz mittels Steuerknüppel auch in kürzester Zeit abschalten. Ein Quantensprung der technischen Vorherrschaft: bislang kontrollieren die USA und ihre Konzerne zwar einen Großteils des Datenflusses im Internet, jedoch nicht unmittelbar die Netzinfrastruktur.

Für welche Zwecke Google und Facebook ihre Drohnen letztlich nutzten – ihre Augen und Ohren am Himmel werden dabei ungestört agieren. Mit einer Flughöhe von rund 20.000 Meter bewegen sich die Drohnen oberhalb des kontrollierten Luftraumes, der in den USA, wie auch in Deutschland, bei etwa 18.000 Meter Höhe endet. Oberhalb dessen gibt es zwar einige wenige Regeln, jedoch keine Regulierung. Bislang erreichen neben Militärjets und den außer Dienst befindlichen zivilen Überschallflugzeugen Concorde und TU-144 auch existierende Drohnen derartige Flughöhen Doch dabei gerieten sie während der Start-und Landephasen regelmäßig den Bereich der zivilen Luftaufsichtsbehörden. Da die künftigen Google-Solardrohnen jedoch nicht nachgetankt werden müssen, reduziert sich der Blick der Kontrolleure auf den kurzen Zeitraum des einmaligen Aufstiegs. Leise vernehmbare Diskussionen über eine Ausweitung des kontrollierten Luftraumes werden sich schon bald zum Betätigungsfeld von Lobbyisten der Telekommunikationsbranche entwickeln.

Erahnen ließen sich die künftigen Aufgaben von Titan Aerospace bereits durch eine Personalie im Oktober 2013. Seither besetzt Vern Raburn in Personalunion die Sessel von CEO und Verwaltungsratschef bei dem erst 2012 gegründeten Unternehmen mit rund 20 Mitarbeitern. Vor seinem Engagement beim Drohnenbauer stand er unter anderem beim Anti-Viren-Hersteller Symantec und bei Microsoft unter Vertrag. Sowohl Microsoft in den 1970er Jahren, als auch Titan Aerospace hatten ihren Ursprung übrigens in Albuquerque.

„Auf seiner Internetseite wirbt das Unternehmen, dass die Drohnen eine Internetgeschwindigkeit von bis zu 1 Gigabit pro Sekunde durch spezielle Kommunikationssysteme gewährleisten können. Das wäre deutlich schneller als die Breitbandnetze in den meisten Industrieländern zur Verfügung stellen“, schreibt das Wall Street Journal Deutschland. Möglicherweise sind derartige Produktdetails nun aber nicht mehr für die Öffentlichkeit bestimmt. Mittlerweile besteht der Onlineauftritt nur noch aus einer im einfachsten Design gehaltenen Bekanntgabe des „Beitritts“ zu Google. Alle anderen Seiten sind nicht mehr aufrufbar.

Wann genau die ersten Google-Dohnen über der Menschheit kreisen, ist unklar. Noch befinde man sich in der Entwicklung, so der Konzern-Sprecher. “Wir stehen (…) noch am Anfang”. Offen ist derzeit etwa die Frage, ob die Batterien auch in den Winterhalbjahren die Nächte durchstehen können. Doch die Serienreife ist absehbar. “Drohnen sind inzwischen verlässlich und günstig. Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem der PC 1984 und das Internet Ende der Neunziger war”, sagte der Gründer der Drohnen-Firma 3DRobotics, Chris Anderson, der Süddeutschen Zeitung. Rund 80 Millionen Dollar an Risikokapital flossen im vergangenen Jahr in die Branche. Wahrscheinlich wird Titan nun in die Google-Entwicklungsabteilung X integriert, soll jedoch vorerst in Neu-Mexiko verbleiben. In der neuen Google-Familie könnte Titan Aerospace nach Ansicht des Wall Street Journal mit dem Projekt Makani  kooperieren. Dort wird eine Windturbine entwickelt, die an Flugzeugen Energie gewinnen soll.

gefunden bei: https://www.compact-magazin.com/googles-fliegendes-auge/

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