Das Ende der Schweiz als „Banken – El -Dorado“ ???

Auslandsbanken in Bewegung

Massenauswanderung?

Daniel Imwinkelried Heute, 2. Mai 2014, 09:03
Morgan Stanley verkauft einen Teil der Aktivitäten in der Schweiz.
Morgan Stanley verkauft einen Teil der Aktivitäten in der Schweiz. (Bild: Reuters)
Die Auslandsbanken stehen vor einem Grundsatzentscheid: entweder in der Schweiz investieren oder das Land verlassen. Diverse haben sich für die zweite Variante entschieden, zuletzt Morgan Stanley.

Die Schweiz hat im Verwaltungsrat der Banque Internationale à Luxembourg (BIL) in den vergangenen Jahren immer wieder für Diskussionsstoff gesorgt. Das Gremium habe sich wiederholt gefragt, ob man im Land weiterhin präsent sein wolle, sagt Michel Wohl, Chef der BIL Suisse. Die Bankleitung hat sich für das Bleiben entschieden, vor allem weil sie das Land im Private Banking immer noch für eine zugkräftige Marke hält. Wachstum ist aber zwingend. In Genf und Zürich verwaltet die Bank bloss 2 Mrd. Fr., und das ist laut Wohl zu wenig, um langfristig Erfolg zu haben.

Investieren und expandieren oder einen Schlussstrich unter das Kapitel Schweiz ziehen: Vor diesem Entscheid stehen derzeit alle Muttergesellschaften der 120 Auslandsbanken. Viele von ihnen sind verhältnismässig klein, weshalb sie noch mehr als einheimische Anbieter unter dem schwieriger gewordenen Umfeld leiden. Weil die Kommissionen weniger üppig fliessen als vor der Finanzkrise von 2008, hat die Rentabilität gelitten. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis ist im Vergleich mit den lukrativen Jahren vor 2008 um rund 10 Prozentpunkte auf über 70% stark gestiegen.

Einige Institute haben die Präsenz im Schweizer Private Banking bereits aufgegeben, darunter Santander, Lloyds und ABN Amro. Andere wie Standard Chartered, Morgan Stanley und die deutsche Deka (Swiss) Privatbank haben den Rückzug angekündigt. Letztgenannte wird ihre Tätigkeit hierzulande Ende Jahr einstellen, nachdem die verwalteten Vermögen stark auf 650 Mio. € geschrumpft sind. Künftig werden die Kunden vor Ort in Deutschland oder aus Luxemburg betreut. Morgan Stanley hat soeben angekündigt, dass die hieisigen Aktivitäten an J. Safra Sarasin veräussert werden.

Rückgänge bei den verwalteten Vermögen bzw. Nettoabflüsse mussten zuletzt die meisten Auslandsbanken verkraften, während es den einheimischen Anbietern auch in den schwierigen Jahren nach 2008 noch gelang, netto zusätzliche Vermögen anzuziehen. Diese Diskrepanz hat verschiedene Gründe. Zum einen führen die Auslandsbanken verhältnismässig viele Depots in Euro, und diese Währung hat gegenüber dem Franken stark an Wert eingebüsst. Zum anderen drängen auch die Auslandsbanken ihre europäischen Kunden dazu, Schwarzgeld im Heimatland zu deklarieren. Falls sich die Anleger dazu durchringen, kommt es häufig vor, dass Besitzer von verhältnismässig kleinen Vermögen dieses gleich auch repatriieren, sei es aus eigenem Antrieb oder auf sanften Druck der Bank hin, die ihre Rentabilität erhöhen muss.

Daneben zwingen auch neue und kostspielige Vorschriften die Finanzkonzerne, ihre globale Präsenz zu überdenken. In den Jahren vor der Finanzkrise herrschte in der Branche eine grosse Euphorie, was viele Institute dazu verleitete, ihre Aktivitäten auszubauen. Heute jedoch können sie sich das breite Angebot nicht mehr leisten. Dabei ziehen sich die Institute beileibe nicht nur vom Private-Banking-Platz Schweiz zurück. Lloyds Banking etwa stiess 2013 sowohl ihre hiesige Privatbank ab als auch Vermögensverwalter in Miami und Dubai. «Gebot der Stunde ist es, die Komplexität zu reduzieren», sagt Christoph Reich, Finanzchef der Liechtensteinischen Landesbank (LLB). Diese schloss 2013 ihre Schweizer Tochtergesellschaft, die trotz verwalteten Vermögen von 4 Mrd. Fr. wirtschaftlich nie auf einen grünen Zweig gekommen war. In Genf und Erlenbach betreut die LLB noch osteuropäische Kunden, wobei die beiden Einheiten nun dem Liechtensteiner Mutterhaus unterstehen.

Der Rückzug gestaltet sich unter Umständen aber schwierig. Interessenten stehen nicht Schlange, wenn eine Finanzgruppe einen Käufer für die Schweizer Tochterfirma sucht. Wie sehr man sich in Geduld üben muss, hat die Leitung der Versicherung Generali erfahren. Seit bald drei Jahren sucht sie vergebens einen Käufer für ihre Tessiner Tochter BSI.

Dabei harzt es nicht nur, weil der Steuerstreit mit den USA noch in der Schwebe ist und die Schweiz auch mit Frankreich sowie Italien keine endgültige Lösung gefunden hat, wie mit Steuersündern umgegangen werden soll. Meist sind die ausländisch beherrschten Schweizer Privatbanken auch selbständig operierende Firmen mit eigenem Backoffice. Etablierte Vermögensverwalter schrecken davor zurück, solche komplexen Gebilde zu akquirieren, da ihnen der Aufwand für deren Integration zu hoch erscheint. Viel lieber übernehmen sie bestimmte Kunden aus ausgewählten Ländern; anders als früher gehen die Banken dabei nicht mehr handstreichartig vor, indem sie beim Konkurrenten Betreuer abwerben und darauf zählen, dass ein Grossteil der Kunden ihren Bezugspersonen folgen wird. Stattdessen werden die Kunden im Einvernehmen mit dem Verkäufer transferiert.

Für die Angestellten haben solche Transaktionen meist schwerwiegende Folgen. Da die erwerbende Bank vor allem an den Vermögen interessiert ist und mit der Akquisition auch ihre Rentabilität steigern möchte, hat es für viele Mitarbeiter keinen Platz mehr in der neuen Organisation. Als die liechtensteinische LGT beispielsweise 2009 die Dresdner Bank Schweiz übernahm, verdoppelte sie auf diese Weise die verwalteten Vermögen auf 20 Mrd. Fr. und den Mitarbeiterbestand auf 600 Personen. Heute sind für das Liechtensteiner Institut in der Schweiz noch 400 Angestellte tätig.

Schweizer Töchter schaffen zu viele Probleme

Wenn sich Auslandsbanken zurückziehen, zehrt das an der Substanz des Finanzplatzes. Ist diese Entwicklung darüber hinaus ein Frühwarnindikator für den schleichenden Niedergang des Bankenplatzes? Oder verlieren die ausländischen Mutterhäuser mit ihren Schweizer Tochtergesellschaften ganz einfach die Geduld, weil sie nur wenige Prozente der Konzerneinnahmen generieren, derzeit aber in viele Probleme verstrickt sind wie in den Steuerstreit mit den USA?

In der Branche gehen die Meinungen dazu auseinander. Ein Alarmsignal ist sicher, dass sich in den vergangenen Jahren nur wenige neue Vermögensverwalter in der Schweiz niedergelassen haben. Gewisse Kreise geben dafür der Finanzmarktaufsicht Finma die Schuld, deren regulatorische Anforderungen zu streng seien. Andere glauben, dass mit dem Ende des «alten» Bankgeheimnisses die Schweiz grundsätzlich an Attraktivität eingebüsst habe. Marco Bizzozero, Chef der Deutschen Bank Schweiz, sieht den hiesigen Finanzplatz aber gleichwohl in einer guten Position. Ein Anbieter, der im Wealth-Management-Geschäft führend sein wolle, müsse hierzulande präsent sein, sagt er. Gemessen an den verwalteten Vermögen von 39 Mrd. Fr. gehört das Unternehmen zu den grössten Auslandsinstituten; die Einheit betreut dabei nicht nur Kunden, die ein Depot in der Schweiz wünschen, sondern sie ist auch für die Führung des Wealth-Management-Geschäfts in Europa (ohne Deutschland), im Mittleren Osten und in Afrika zuständig. Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Bank Schweiz das Backoffice an B-Source ausgelagert, und derzeit installiert sie die Banken-Software von Avaloq. Beides sei ein Bekenntnis zum hiesigen Standort, sagen Vertreter der Bank.

Aufstrebendes Luxemburg

Dabei hat aber auch die Deutsche Bank ihre Strategie angepasst. In ihrem Fokus stehen jetzt schwerreiche Anleger, etwa aus den Schwellenländern, die zur Diversifikation einen Teil ihres Vermögens in der Schweiz deponieren. Sogenannte Affluent-Kunden, also Anleger mit einem Vermögen von einigen hunderttausend Franken, sollen dagegen möglichst in deren Heimatstaaten betreut werden. Das ist ein allgemeiner Trend bei den Auslandsbanken. Zwar richten sich nicht alle von ihnen nur auf sehr wohlhabende Anleger aus; bei der BIL beispielsweise oder der dänischen Jyske Bank ist man auch mit einem Vermögen von einigen hunderttausend Franken willkommen. Gleichwohl sind die Wunschkunden der Auslandsbanken heute mehrfache Millionäre, die in der Schweiz einen Hort der Sicherheit sehen.

Diese Klienten werden allerdings auch von Banken in London und Luxemburg umworben, und diese Finanzplätze weisen Vorzüge auf, die der Schweiz fehlen. Beiden steht der Zugang zum Finanzmarkt der EU offen. London bietet Anlegern ferner ein breites Angebot an Dienstleistungen, mit dem der hiesige Finanzplatz nicht mithalten kann. Auch Luxemburg entwickelt sich immer mehr zu einem ernsthaften Konkurrenten. Als Private-Banking-Standort sei die Schweiz zwar renommierter als das Grossherzogtum, sagt BIL-Suisse-Chef Wohl, dieses sei aber geschickt, wenn es darum gehe, Nischen zu finden. So hat Luxemburg eine starke Position im Geschäft mit Versicherungsmänteln inne, und mit dem SIF (spezialisierte Investmentfonds) existiert eine flexible Anlageform, die es gerade reichen Familien ermöglicht, ihr Vermögen zu strukturieren. Ein solches Instrument fehle in der Schweiz, bedauern Banker. Noch immer betreibe man hierzulande eben in erster Linie die traditionelle Vermögensverwaltung statt umfassendes Wealth Planning, das Themen wie Steuern und Erben einschliesse.

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