Unsägliche TV-Dokus: Geschichte für Trottel

Hitlers Hunde und Stalin in Farbe – die Art, in der öffentlich-rechtlich Historie verbreitet wird, ist ein Skandal. Der Zuschauer wird für dumm gehalten.

30.05.2014, von Jörg Baberowski

© picture alliance / AP Photo Liebte Hitler Hunde? Fernsehdokus klären diese Frage immer wieder gerne.

Es vergeht keine Woche im deutschen Fernsehbetrieb ohne eine historische Dokumentation, die verspricht, das letzte Geheimnis zu lüften. War Hitler schwul? Oder war er in Wahrheit in seinen Hund verliebt? Die Infantilisierung des Zuschauers kennt keine Grenzen. Er wird nicht nur für dumm verkauft, er wird auch für dumm gehalten. Deshalb erzählt man ihm nur, was man ihm zumuten zu können glaubt. „History-TV“ gibt es nur, weil jene, die Dokumentarfilme produzieren, glauben, dass intelligente Menschen nicht fernsehen.

Wie sonst ließe sich erklären, dass gegen die Zurschaustellung des Unwissens niemand einschreitet? Das Drehbuch solcher Dokumentationen folgt immer dem gleichen Muster. Man sieht Filmsequenzen, die ohne Sinn und Verstand zusammengeschnitten wurden, hört die Stimme des Kommentators, die einem geschilderten Ereignis Dramatik verleihen soll, und für die schlichten Gemüter unter den Zuschauern wird Musik eingespielt, die die Bedeutung des Gesagten und Gezeigten unterstreicht.

Eine Stalin-Doku gegen die Hitler-Übersättigung

Wie jede historische Erzählung hat auch der Film ein Anfang und ein Ende. Nur klärt niemand die Zuschauer darüber auf, dass Filmaufnahmen nicht die Wirklichkeit abbilden, sondern selbst eine Interpretation der Wirklichkeit sind. Schon vor der Zusammenstellung des Filmmaterials steht fest, welches Ende und welchen Anfang die Geschichte haben soll. Aber niemand sagt es. Der Zuschauer soll glauben, dass vor seinen Augen historische Zwangsläufigkeit ins Bild gesetzt wird. Damit glaubhaft bleibt, was der Film aussagt, werden Zeitzeugen aufgerufen, die erzählen dürfen, was sie gesehen und gehört haben. Kein Dokumentarfilm ohne Zeugen, die wissen, wie es eigentlich gewesen ist!

© picture alliance / dpa Professor Dr.: Guido Knopp ist das seriöse Geschichts-Gesicht im ZDF.

Damit der letzte Zweifel an der Seriosität der Dokumentation verfliegt, tritt Professor Dr. Schlaumeier auf. Er sagt: „Hitler liebte Hunde, er fand aber auch Gefallen an Frauen. Juden mochte er nicht.“ Schnitt. Musik. Hitler schaut finster in die Kamera. Jetzt hat der Zuschauer das Gefühl, etwas wirklich Bedeutendes gesehen und gehört zu haben. Ohne Professor Dr. Schlaumeier, der an der Universität Geschichte lehrt, wäre die Dokumentation nur die Hälfte wert. Deshalb nennt sich Guido Knopp neuerdings auch Professor Dr. Guido Knopp.

Von Hitler haben wir genug gesehen. Nun also Stalin. In Farbe. Am Abend des 19. Mai strahlte die ARD eine Dokumentation über den Diktator aus. Sie wurde sehr gelobt, auch in dieser Zeitung, weil sie in Farbe zeigte, was man noch nicht gesehen hatte, und weil sie ohne Zeitzeugen und Professoren auskam. Ein Vorzug, zweifellos.

Bunte Stalin-Schnipsel

Was dann aber zu sehen und zu hören war, musste jedem halbwegs gebildeten Zeitgenossen den Atem verschlagen. Wir sahen Stalin in Farbe, sahen, dass sein Gesicht und sein Haar, seine Jacke und seine Stiefel nicht grau waren. Was uns bislang nur als trostlose, graue Umgebung erschienen war, nahm Farbe an. Aber was sollten die kolorierten Aufnahmen belegen? Warum muss Stalin in Farbe auf die Leinwand? Gründe hätte man vielleicht finden können. Verändert sich unsere Sicht auf den Diktator und seine Umgebung, wenn vertraute Bilder farbig werden? Müsste man nicht manches Urteil über die Tristesse des sowjetischen Lebens überdenken, wenn die Menschen der Vergangenheit in anderem, unvertrautem Licht erscheinen?

Auf solche Fragen erhielt der Zuschauer keine Antwort. Stattdessen sah er bunte Filmaufnahmen, die ohne Sinn und Verstand zusammengeschnitten wurden. Manche Sequenzen hatte man schon gesehen, andere wurden dem deutschen Publikum zum ersten Mal gezeigt: Stalin als Redner, im Urlaub und im Kreis seiner Kinder und Gefährten, die Erschießung eines Mannes, die Konferenz von Potsdam, Stalin im offenen Sarg.

Herkunft unbekannt

Wozu wird das gezeigt, was soll der Zuschauer, der nicht weiß, wer dieser Mann war und was er angerichtet hatte, daraus lernen? Was zeichnete ihn aus, warum konnte ausgerechnet er im Machtkampf obsiegen und bedenkenlos töten, wen er aus dem Weg räumen wollte? Und sind die Filmaufnahmen ein Teil der Erklärung? Denn die Sprache des Körpers und der Ausdruck des Gesichts haben in despotischen Ordnungen eine andere Bedeutung als in demokratischen. Diktatoren inszenieren sich. Wir wissen, dass Stalin der Regisseur seines eigenen Kults war. Der Film verliert darüber kein Wort.

Wer war der Mann, dessen Erschießung gefilmt wurde, und warum wurde er erschossen? Wurde er 1937 erschossen oder 1942? War er ein „Volksfeind“, ein Krimineller oder ein Deserteur? Hatte Stalin seine Erschießung angeordnet, oder stand sein Name auf den Todeslisten, die der Diktator abgezeichnet hatte? Wir erfahren nichts darüber. Kein einziges Wort auch über die Herkunft Stalins! Sein Vater wird als Schuster vorgestellt. Er selbst sei als junger Mann in einem orthodoxen Priesterseminar gewesen.

© MDR/C PRODUCTIONS ARD-Dokumentation: Stalin ist nun eingefärbt, bleibt inhaltlich leider umso blasser.

Man ahnt, dass die Produzenten der Dokumentation annahmen, der Diktator sei als Russe zur Welt gekommen. Kein Wort fällt über die Rolle der Gefährten und Vollstrecker, deren Namen, in falscher Betonung, zwar genannt werden, über die man aber nichts erfährt. Man hört, dass Stalin Trotzki, Sinowjew und Tomski aus dem Weg räumen ließ. Man sieht ihre farbigen Gesichter, aber hört nichts darüber, wer diese Männer waren und warum Stalin sie beseitigte. Kein Wort über die Gründe für den Massenterror, mit denen der Despot sein eigenes Land heimsuchte.

Stattdessen leeres Geschwätz: über den Bau der Metro, über den Freitod Nadjas, Stalins Ehefrau, die sich das Leben genommen hatte, weil sie die Grausamkeit ihres Mannes nicht mehr ertragen konnte, und über Stalins Sohn Wasili, der als Pilot ins Bild kommt. Stalin sei nach dem Selbstmord seiner Frau, raunt der Kommentator, verschlossen und böse geworden. Woher er das weiß? Leider erteilt der Film auch darüber keine Auskunft. Unterlegt wird dieser Unfug mit bedeutungsschwerer Musik, Geigen und Celli spielen auf, wenn Stalin ins Bild kommt und den Zuschauer mit finsterem Blick anschaut. Bisher hatte ich geglaubt, mit Guido Knopps historischen Dokumentationen sei der Tiefpunkt im deutschen Fernsehen schon erreicht worden. Dieser Film bewies das Gegenteil.

Lieblos und stümperhaft

Fast alles, was über Ereignisse und Personen in dieser Dokumentation gesagt wird, ist falsch. Aus Stalins Geheimdienstchef Nikolai Jeschow wird „Nikolai Leschow“, aus Generalfeldmarschall Paulus – General von Paulus, aus Stalins Sekretär Poskrjobyschew – Poskrebischew. Unablässig spricht der Kommentator von Russland und den Russen. Der Zweite Weltkrieg sei ein Krieg der Russen gewesen. Haben die Dokumentarfilmer jemals davon gehört, dass die Sowjetunion ein Vielvölkerreich, Stalin ein Georgier, Trotzki ein Jude und Mikojan ein Armenier war? Dass Hunderttausende ihr Leben lassen mussten, die keine Russen waren?

Am Ende sieht man Stalin im offenen Sarg liegen. Die Stimme des Kommentators teilt mit, die Leiche sei im Mausoleum auf dem Roten Platz aufgebahrt worden. Aber sie wurde nicht im Mausoleum, sondern im Säulensaal des Gewerkschaftshauses ausgestellt. Weiß überhaupt noch jemand, was eine Recherche ist? Man hätte in diesem Fall nichts weiter tun müssen, als nachzuschlagen, und in weniger als fünf Minuten hätten alle faktischen Fehler behoben werden können.

Aber wer interessiert sich noch für Fakten, wenn es doch nur darum geht, den Zuschauer mit bunten Bildern zu unterhalten! Nun könnte man einwenden, solche Informationen seien Nebensache, weil sie zur Erklärung nichts beitragen. Mag sein. Aber dieser lieblos zusammengeschnittene Film erklärt nichts, er erhellt nichts. Er ist stümperhafte Desinformation.

gefunden bei: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/unsaegliche-tv-dokus-geschichte-fuer-trottel-12959986.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Anmerkung meinerseits: Auch wenn die Frankfurter Allgemeine nicht gerade das Non Plus Ultra an Wahrheitsfindung ist überrascht dieser Artikel doch , denn er ist wahrhaftig.

Hoffentlich wird diese Art des Journalismus in einem Main-SStream-Blatt beibehalten, denn nichts liest sich schwerer als die Wahrheit.

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