Vorbereitungen für den Notfall: Russlands Angst um Asads Lebensader

Von einer russischen Intervention in Syrien zu sprechen, ist verfrüht. Aber Moskau scheint seine militärische Präsenz zu stärken, um im Notfall die wichtigen Häfen von Tartus und Latakia zu schützen.

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„Die Zeit des Mutes und der echten Männer“: Ein von einem russischen Soldaten aufgenommenes Poster in Syrien zeigt Asad und Putin vereint. (Bild: Soziale Netzwerke)

Russische Soldaten und Militärberater in Syrien sind nichts Überraschendes. Moskau betreibt seit 1971 einen Marinestützpunkt am syrischen Mittelmeerhafen Tartus. Zudem hat Russland nie verheimlicht, dass es der syrischen Armee mit Technik und Know-How zur Seite steht. Bilder und Videos im Internet liefern nun aber Hinweise darauf, dass Moskau seine militärische Präsenz in Syrien erheblich ausgeweitet hat.

Die bisher überzeugendste und sehr detaillierte Recherche zu diesem Thema liefert der russische Blogger Ruslan Lewijew. Ähnliche Untersuchungen hatte er bereits früher über den Einsatz russischer Soldaten in der Ostukraine veröffentlicht. Seine Informationen wurden danach von westlichen Journalisten geprüft und haben sich als richtig erwiesen.

Selfies im Internet

Lewijew ist in sozialen Netzwerken auf Einträge von russischen Soldaten und ihren Angehörigen gestossen, die für drei bis acht Monate nach Syrien verlegt worden waren. Die Frau eines solchen Soldaten bestätigte, dass ihr Mann nach Syrien entsandt worden sei, um einen Flughafen oder einen Schiffshafen zu bewachen. «Er sagte, es gehe um einen Kampfeinsatz.»

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Dieses Selfie zeigt den russischen Soldaten Maksim Maschnikow offenbar in Syrien. (Bild: Soziale Netzwerke)

Weitere Fotos von Soldaten und russischen Transportschiffen im Bosporus stützen die Vermutung, dass Moskau bereits mehrere hundert Mann in Syrien stationiert hat. Lewijew weist darauf hin, dass Tartus den russischen Streitkräften früher lediglich dazu diente, um Schiffe zu reparieren oder mit neuen Vorräten zu versorgen. In dem Depot seien bis 2010 lediglich vier russische Armeeangehörige stationiert gewesen.

Panzer mit russischer Kennzeichnung

Von besonderem Interesse ist zudem ein auf Youtube veröffentlichtes Video, das einen russischen Panzer des Typs BTR-82A zeigt. Es ist nicht eindeutig zu herauszuhören, ob die Besatzung des Panzers russisch spricht. Aber offensichtlich handelt es sich dabei nicht um einen Panzer, der aus einer russischen Rüstungsfabrik an die syrische Armee geliefert worden war. Er trägt eine Erkennungsnummer und Tarnfarben, wie sie auch in russischen Armeebeständen zu sehen sind.

Vergangene Wochen sind im Internet zudem Fotos von russischen Drohnen und Kampfjets aufgetaucht. Es wurde behauptet, dass es sich dabei unter anderem um eine moderne Sukhoi-34 handelt. Ein Modell, das bisher nicht von syrischen Piloten geflogen werde. Wenige Tage zuvor publizierte der israelische Journalist Alex Fishman einen Artikel, indem er über eine Aufstockung der russischen Truppen in den kommenden Tagen berichtete. Er stützte sich dabei auf westliche Diplomatenkreise.

Amerikanische Satellitenbilder

Auch die USA wollen aufgrund von Satellitenbildern eine verstärkte militärische Aktivität Russlands in Syrien registriert haben. Grosse russische Transportflugzeuge würden häufiger als üblich Kurs auf Syrien nehmen und Truppen sowie Fahrzeuge dorthin transportieren, zitierte der amerikanische Sender «Fox News» am Mittwoch zwei Vertreter der amerikanischen Regierung. Demnach seien die russischen Militäraktivitäten intensiver als je zuvor in dem seit vier Jahren andauernden Bürgerkrieg. Allerdings hiess es weiter, es gebe keine Hinweise auf eine russische Beteiligung an Kämpfen im Land. Die Amerikaner gehen aber davon aus, dass russische Soldaten in der Nähe der Hafenstadt Latakia derzeit zusätzliche Wohneinheiten errichten, berichtet die deutsche Nachrichtenagentur DPA.

Die USA haben Bulgarien und Griechenland deshalb auch gebeten, ihren Luftraum für russische Militärtransporte zu sperren. «Wir sind tief beunruhigt über Berichte, wonach Russland Soldaten und Luftfahrzeuge nach Syrien gebracht haben könnte», sagte ein Sprecher des Weissen Hauses am Mittwoch. Der Aussenminister John Kerry telefonierte demnach mit seinem russischen Kollegen Sergei Lawrow, um seine Bedenken darüber kundzutun. Demnach soll Kerry vor einer Eskalation der Gewalt im syrischen Bürgerkrieg gewarnt haben, sollten sich die Gerüchte über eine grössere Rolle Russlands bestätigen.

Vorbereitung für den Worst-Case

Inzwischen hat Lawrow zugegeben, dass mit russischen Frachtflügen sowohl militärische Güter als auch Hilfslieferungen nach Syrien gebracht wurden. Bisher hatte Russland öffentlich darauf bestanden, dass die Flüge ausschliesslich humanitären Charakter hätten. Laut einem Bericht der russischen Tageszeitung «Kommersant» schickte Moskau zwei Landungsschiffe, zusätzliche Flugzeuge und eine kleine Zahl Marine-Infanteristen nach Syrien sowie leichte Waffen, Granatwerfer, Schützenpanzer und Militärlastwagen.

Noch liegen allerdings keine harten Beweise vor, dass russische Soldaten in Syrien direkt in Kampfhandlungen verwickelt sind. Allerdings befindet sich die Armee des syrischen Präsidenten Bashar al-Asad im Nordwesten des Landes auf dem Rückzug. Es besteht daher die Gefahr, dass sein Regime die Kontrolle über den lebenswichtigen Hafen in Latakia verliert und letztlich auch Tartus nicht mehr halten kann. Es würde deshalb durchaus Sinn machen, dass Moskau seine Präsenz in Syrien verstärkt, um im Notfall ein solches Worst-Case-Szenario verhindern zu können. Denn dies könnte letztlich auch den Untergang des Asad-Regimes besiegeln. Für den Kreml wäre dies eine herbe Niederlage und würde seinen geopolitischen Einfluss in der Region merklich schmälern.

Quelle: http://www.nzz.ch/international/russlands-angst-um-asads-lebensader-1.18610977

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