Flüchtlingswelle: Berichterstatter als Stimmungsmacher

Angesichts der Flüchtlingswelle haben die Medien, besonders in Deutschland, die kritische Distanz verloren. Die Berichterstattung geriet zur Kampagne.

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Flüchtlingslager in Neu-Isenburg, Deutschland. (Bild: Frank Rumpenhorst / Keystone)

Deutsche «Sommermärchen» dauern offenbar immer vier Wochen. Das war bei den Fussball-Weltmeisterschaften 2006 und 2014 so, und das scheint jetzt auch für die «Willkommenskultur» für Migranten zu gelten. Wo Leitmedien gerade noch affirmativ das «neue, lichte Deutschland» feierten («Der Spiegel»), das Zuwanderung fast unbeschränkt zulässt, dominieren jetzt Schlagzeilen wie «Deutschland muss Deutschland bleiben» («FAZ»), «Nur die ‹Festung Europa› kann jetzt noch Leben retten» («Die Welt») oder «Wir schaffen es doch nicht» («Süddeutsche Zeitung»). Im ARD-«Presseclub» sprach eine Journalistin am letzten Sonntag von der «Besoffenheit», in der Politik und Medien in den letzten Wochen ihre Entscheidungen getroffen hätten.

Damit deutet sich eine Abkehr vom monothematischen Überwältigungsjournalismus an, der bei der Massenmigration nur eine zugelassene Haltung kannte. In moralischen und emotionalen Ekstasen steigerten sich die deutschen Medien mit wenigen Ausnahmen (so die «FAZ») in einen Überbietungswettbewerb um Empathie und Willkommenseuphorie hinein, ohne Gedanken an den Überdruss, den derlei beim Leser erzeugen kann . Einseitigkeit war Trumpf: Die Umarmung der fernen Fremden ging einher mit rabiatem Kommunikationsabbruch dem deutschen Nachbarn gegenüber, der sich nicht auf die kommenden gesellschaftlichen Veränderungen freuen wollte. Kritische Distanz zu den Akteuren, genaue Recherche, die Zurückhaltung im Urteil bei unklarer Faktenlage, die gründliche Ausleuchtung der Hintergründe, Fairness bei der Präsentation unterschiedlicher Meinungen und ein analytischer Blick, der übers Aktuelle hinaus die Folgeprobleme einzuschätzen versucht, all das schien plötzlich unangemessen zu sein.

 Die Forderung eines «Spiegel»-Kolumnisten nach einem «neuen Journalismus» , der aktivistischer, leidenschaftlicher auftritt, wurde übererfüllt. In allen Zeitungstypen und in nahezu allen Ressorts gab es eine überaus opulente Berichterstattung, deren grosser Umfang allerdings nicht mit ebenso grosser Vielfalt und Tiefe einherging. Als die «Bild»-Zeitung, von Kritikern gern als Hetzblatt gegen Fremde markiert , den Kurs änderte und massiv Partei nahm, war auch auf dem Boulevard nur noch ein publizistischer «Aufstand der Anständigen» zu besichtigen.

Selbst in Nachrichtensendungen wie dem ZDF-«Heute-Journal» gilt anwaltschaftlicher Journalismus als Pflicht. «Wo Mitgefühl angebracht wäre, herrscht Menschenverachtung», tönt es in einer Nachricht über die Lage in Ungarn. Moderator Claus Kleber zerdrückte eine Träne beim Bericht über einen Busfahrer, der seine Fahrgäste in Englisch herzlich willkommen geheissen hatte. Diese mediale Vorführung der angemessenen Betroffenheit war freilich etwas vorschnell: Als man die Facebook-Seite des «Helden» prüfte , fand man eher Kritisches zur sozialstaatlichen Versorgung der Migranten.

Das Fernsehen ist wegen seiner Bilderlastigkeit besonders anfällig für die Verletzung von professionellen Standards. Bei emotionalisierenden Bildern ist das Risiko gross, dass sie nicht zeigen, was sie zu zeigen scheinen. Seit Kinder als Bildmotive in den Vordergrund rückten, häufen sich die Fehlleistungen. Zwar sind nach allen belastbaren Angaben Kinder eine eher kleine Minderheit unter den Migranten auf der Balkanroute, doch wurden sie zu Symbolen des Flüchtlingselends. Die Foto des toten Knaben am Strand von Bodrum trug dazu bei, «die Gefühle eines ganzen Landes zu synchronisieren» («Die Zeit») und die Politik zu mobilisieren. Die Emotionalisierung der Berichterstattung führte zu einer bemerkenswerten Kritiklosigkeit den Politikern gegenüber, die den Medienhunger nach gefühlsstarken Szenen gern stillen. Noch nie war Angela Merkel eine so unkritisch angehimmelte Kanzlerin wie in den Wochen der Flüchtlingskrise. Ein Kommentator der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» schwärmte in purem Kitsch davon, wie «einfühlsam und lieb» doch die Kanzlerin mit Flüchtlingskindern umgehe.

Diese Berichterstattung hat viele blinde Flecken. Die heftig beschworene europäische Lösung wird kaum kritisch befragt. Die PR-Auftritte von Grossfirmen, die ihre Freude über die neuen Mitarbeiter äussern, die über die Grenzen drängen, finden nur vereinzelt Widerspruch. Wer mit welchen Qualifikationen über die Grenzen drängt, was sich unter den ethnisch und kulturell gemischten und oft verfeindeten Migranten abspielt und wie die daraus zu formende multikulturelle Gesellschaft aussehen wird, solche Fragen wurden lange ebenso marginalisiert wie die Kriminalität im Umfeld der Aufnahmelager.

Zu voller kritischer Wucht läuft man dagegen auf, wenn es den «Kampf gegen rechts» aktivistisch zu befördern gilt. Sprachregelungen sind etabliert, Meinungskontrollen im Netz mit nachfolgender Denunziation beim Arbeitgeber werden empfohlen, Zensurforderungen sind gesellschaftsfähig. Sie finden Widerspruch nur bei unabhängigen Aussenseitern . Auch eine komplex angelegte Dokumentation wie der «Flüchtlingsreport» der ARD ist trotz einigen sachlichen Passagen insgesamt misslungen. Die Sendung bleibt fixiert auf die Perspektive der Einwanderer. Kritiker und Gegner erscheinen als randalierender Pöbel mit «Hasssprache». Als Expertin wird die ehemalige Stasi-Mitarbeiterin Anetta Kahane bemüht, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, in der heute als «Fachreferentin für Hate-Speech» eine Julia Schramm arbeitet, die selber durch hasserfüllte Tweets, etwa gegen die Erinnerung an die Opfer der Bombardierung Dresdens, bekannt wurde.

Mit solchen Kronzeugen wird man kaum die «doppelte Integration» in Angriff nehmen können, die nach Ansicht des «Spiegels» sowohl die Einwanderer als auch «die Deutschen, die sich ihrem Land nicht mehr zugehörig fühlen» einschliessen muss. Für den Historiker Jörg Baberowski muss dabei nicht nur über die technische Bewältigung der Masseneinwanderung geredet werden, sondern vor allem über die politische Frage «Wollen wir sie auch bewältigen?». Das zielt auf eine Repolitisierung der Einwanderungsdebatte ohne Denkverbote und den Druck angeblicher Alternativlosigkeit. Das «Sommermärchen» wäre damit auch medial beendet.

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/berichterstatter-als-stimmungsmacher-1.18615593

Ernüchterung 40 Jahre nach der journalistischen Sternstunde

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Trotzige Siegerpose von Richard Nixon zum Abschied aus dem Weißen Haus am 9. August 1974
Foto: ap

Am 9. August 1974 trat US-Präsident Richard Nixon zurück, weil ihm Journalisten eine entscheidende Rolle in der Watergate-Affäre nachgewiesen hatten. Heute ist vom investigativen US-Journalismus nicht mehr viel übrig.

Seymour Hersh hat ein Kriegsverbrechen und einen Skandal aufgedeckt: das Massaker im vietnamesischen My Lai und die Folter irakischer Häftlinge in Abu Ghraib. Es gibt keinen investigativen Journalisten, der mehr unter dem Teppich Liegendes hervorgekehrt hätte als Hersh. Und keinen, der – vier Jahrzehnte nach dem Watergate-Skandal – schonungslosere Worte über die „vierte Gewalt“ findet.

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1976 wurden sie in dem Film "All the President's Men" (deutscher Titel: Die Unbestechlichen, Regie: Alan J. Pakula) von Dustin Hoffman (links) und Robert Redford verkörpert.oto: Warner Bros.
Foto: Warner Bros.

In einem Interview mit dem britischen Guardian wetterte der Veteran einmal gegen die handzahmen US-Journalisten und „ihre Unfähigkeit, das Weiße Haus zur Rede zu stellen“. Um die Misere zu überwinden, empfahl er, müsste man die Sender NBC und ABC schließen, neunzig Prozent der Redakteure entlassen und sich auf die Kernaufgabe eines Journalisten besinnen: Außenseiter zu sein. Unbequem, nicht im Bett mit den Mächtigen. Fast scheine es, das traue sich niemand mehr.

Anklagender Sarkasmus

Auch die New York Times, bei der Hersh acht Jahre beschäftigt war, bekam ihr Fett ab: „Sie verwenden mehr Zeit darauf, Obama zu Diensten zu sein, als ich es mir jemals vorstellen konnte.“ Wieso lasse man Barack Obama die Drohnenangriffe durchgehen? „Warum finden wir nicht raus, wie gut oder schlecht diese Strategie ist? Warum zitieren Zeitungen immer dieselben zwei oder drei Gruppen, die das Töten durch Drohnen beobachten? Wieso machen wir nicht unsere eigene Arbeit?“

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Carl Bernstein (links) und Bob Woodward 1973 in der Redaktion der Washington Post ...
Foto: AP

 

Ein Glück, fügte Hersh mit einer Prise Sarkasmus hinzu, dass Edward Snowden die NSA-Programme mit einer Fülle von Dokumenten belegen konnte – sonst wäre er wohl gegen Mauern gerannt. „Redakteure lieben Dokumente, sonst hätten sie die Story nie angefasst.“

Es ist alles andere als schmeichelhaft, was Hersh über seine Branche zu sagen hat, 40 Jahre nach der Sternstunde des Watergate-Skandals, 40 Jahre nach dem Rücktritt Richard Nixons, dessen paranoide Machenschaften durch die Lokalreporter Carl Bernstein und Bob Woodward in der Washington Post Puzzlestück für Puzzlestück dokumentiert wurden.

Zeitaufwändige und teure Recherche

Auch Leonard Downie, von 1991 bis 2008 im Chefsessel der Hauptstadtzeitung, brachte die Misere offen auf den Punkt: Investigativer Journalismus koste nun einmal Geld und stelle polemische Fragen. „Hätte man die Begründung für den Einmarsch im Irak nicht genauer unter die Lupe nehmen müssen? Wurde genug getan, um die riskanten Manipulationen der Wall Street zu untersuchen, bevor es 2008 zur finanziellen Kernschmelze kam?“ Die Anzeigenkrise untergrabe jenes Geschäftsmodell, das zeitaufwändige und teure Recherche subventioniere, so Downie. Also müssten neue Modelle entwickelt werden: nichtkommerzielle Publikationen, deren Existenz durch Stiftungen, Philanthropen oder Journalismusfakultäten garantiert wird.

Erste Ansätze gibt es: Pro Publica in New York oder die Texas Tribune in Austin und Intercept, die Plattform von Blogger und Ex-Anwalt Glenn Greenwald, der sich 2013 in Hongkong mit Snowden traf und maßgeblich dazu beitrug, die Lawine der NSA-Enthüllungen ins Rollen zu bringen.

Wie sich die Geheimniskrämerei des Weißen Hauses, gekoppelt mit digitaler Überwachung, auf den Journalismus auswirkt, haben die Bürgerrechtsliga ACLU und Human Rights Watch Ende Juli in einer Studie skizziert: Zum einen verfolge Obamas Kabinett Whistleblower mit einer Härte, wie man sie zuvor nicht kannte. Das „Insider Threat Program“ sei bloß zu dem Zweck beschlossen worden, Beamte abzuschrecken, Interna mit der Presse zu teilen. Zum anderen habe die NSA-Offensive zur Folge, dass Regierungsmitarbeiter nie sicher sein könnten, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt.

Angst vor Kontakt mit Reportern

„Früher sind Untersuchungen nie weit gekommen, weil es zu schwierig war, die undichte Stelle zu finden“, sagt Barton Gellman von der Washington Post. „Mit digitalen Mitteln ist das viel einfacher. Und unsere Quellen wissen das.“ Sie seien seltener bereit, mit Journalisten Kontakt aufzunehmen, selbst wenn es nicht um Brisantes gehe, sondern nur darum, eine persönliche Meinung zu äußern, einen Vorgang zu bewerten.

Journalisten falle es wegen der digitalen Revolution immer schwerer, ihre Quellen zu schützen, bilanziert der Report.

Mark Felt alias „Deep Throat“, der FBI-Vize, der Woodward und Bernstein wie ein Pfadfinder durch den Watergate-Dschungel führte, blieb 32 Jahre unentdeckt, bis er freiwillig das Rampenlicht suchte, um sich zu outen. Heute, glauben Kenner, wäre das praktisch ein Ding der Unmöglichkeit.

Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 9.8.2014

Russlands Propagandaschlacht: Mit Stopfake.org für die Wahrheit

Der Ukraine-Konflikt ist auch ein Krieg der Bilder. Ein Zugunglück in Kanada wurde als Aufnahme aus Slawjansk ausgegeben. Studenten decken das nun auf.

Kein Fake: Russlands Präsident Wladimir Putin.  Bild: reuters

KIEW dpa | Junge Ukrainer versuchen, Russland einen Propagandakrieg gegen ihr Land nachzuweisen. Dazu haben sie im Internet die Initiative Stopfake.org aufgebaut. „Bekämpfung unwahrer Informationen über die Ereignisse in der Ukraine“ nennen die beteiligten Studenten und Absolventen der renommierten Journalistenschule der Kiewer Mohyla-Akademie das neue Projekt.

Dabei decken sie etwa auf, wie das russische Staatsfernsehen blutige Szenen aus anderen Konfliktgebieten benutzt, um ein möglichst katastrophales Bild der Lage in der Ostukraine zu zeichnen.

Bilder und Fotomontagen beispielsweise aus Syrien oder den früheren Kriegsgebieten Tschetschenien und Südossetien würden von russischen Medien in einen anderen Kontext gestellt, heißt es auf der Seite.

In der Ostukraine gibt es zwar tatsächlich Blutvergießen und großes menschliches Leid. Doch haben es russische Journalisten nicht immer leicht, eigene Bilder dort zu besorgen. Ukrainische Behörden verwehren ihnen oft die Einreise wegen tendenziöser Berichterstattung. Einige Reporter des vom Kreml gesteuerten Fernsehens fanden sich zudem zeitweilig in Gefangenschaft von Regierungstruppen wieder. Das Vorgehen der Behörden in Kiew gilt als Reaktion auf die russische Staatspropaganda.

Zehn Freiwillige

So entpuppte stopfake.org ein Bild von der angeblich brennenden Separatisten-Hochburg Slawjansk als Foto eines Zugunglücks im kanadischen Quebec. Die Veröffentlichungen zeigten durchaus Wirkung in Russland oder führten sogar zum Rückgang von Falschinformationen, sagte Mitgründerin Tatjana Matytschak der Nachrichtenagentur dpa in Kiew.

Im Mai etwa räumte Moskaus Staatsfernsehen einen Fehler ein, nachdem Tote einer Anti-Terror-Operation aus dem russischen Konfliktgebiet Nordkaukasus als mutmaßliche Opfer in der Ostukraine gezeigt wurden. „Das war vielleicht ein Fehler im Computer. Oder eine junge Montage-Nymphe hat irgendetwas Unrichtiges von irgendwoher genommen. Es gibt eine Menge Möglichkeiten dafür, wie dieser Fehler sich einschleichen konnte“, sagte der stellvertretende Generaldirektor des Staatsfernsehens, Dmitri Kisseljow.

Ein Team von knapp zehn Freiwilligen hat inzwischen mehr als 200 Gegeninformationen in russischer und englischer Sprache ins Netz gestellt. Im Schnitt informieren sich täglich etwa bis zu 60.000 Menschen auf der Website, seit dem Start im März verzeichnen die Betreiber über zwei Millionen Besucher. Um Hackerattacken abzuwehren, haben die Seitenbetreiber einen eigenen Programmierer.

Anmerkung von mir: So lange die Presse, bis auf ganz wenige Ausnahmen, gleichgeschaltet ist und wirklich unabhängiger Journalismus von offizieller Seite
von vorn herein unterdrückt wird ist man gezwungen die Wahrheit in unabhängigen
Foren und Netzwerken zu suchen.
Der größte Teil allerdings, zumindest was den Deutschen Michel angeht, glaubt das was die Medien hervorlügen.

Dank an die Wahrheitsfinder